Wenn wir uns mit anderen unterhalten, dann geht es in der Regel um Erfolge, um Leistung, um Vollbrachtes.
Dabei scheitern wir viel öfter, als das wir Erfolg haben. Die Menschheitsgeschichte ist voller katastrophaler Missgeschicke, fataler Fehler und gescheiterten Unternehmungen aber was wir im Geschichtsunterricht lernen sind die Erfolge – oder das was uns als solche verkauft wird. Ich weiß nicht wie das bei euch war, aber bei uns war die Kolonialisierung eine Erfolgsgeschichte. Einschränkungshalber wurde vielleicht am Rande erwähnt, dass das nicht ganz unblutig ablief. Aber überhaupt war das kein besonders großes Thema. Ich bin sehr dafür dass das mehr thematisiert wird. Und zwar nicht als Erfolg sondern als ein Scheitern von Menschlichkeit und Mitgefühl, als Grundlegung einer zutiefst rassistischen Gesellschaft.
Und ja – was Scheitern und was Erfolg ist hängt viel an der Wertung die die Gesellschaft über diese Ereignisse trifft. Massenmord und Unterdrückung als Erfolg zu feiern ist ja schon irgendwie ein ganz spezielles Mindset.
Das hier ist der erste Eintrag auf meinem neuen Blog.
Als ich anfing Dinge ins Internet zu schreiben war ich 13 und benutzte noch beepworld. Irgendwann fing ich an Bitmap Dateien zu Jpeg zu konvertieren weil das die Ladezeiten verkürzt hat. Wenn ich telefonieren wollte (oder irgendwer anderes im Haushalt), musste ich mich aus dem Internet ausloggen. Dann hatte ich eine Website auf der ich hauptsächlich ein paar meiner Gedichte postete und die ich ständig neu designte wozu ich mir html, n bissel Java Script und css beibrachte. Nebenbei musste ich im Informatik Unterricht der Lehrerin zuhören die sagte “Wenn eine Fehlermeldung kommt drückt einfach so lange auf esc bis sie weg geht, wenn das nicht klappt drückt einfach lange auf den Ausknopf und macht den Rechner dann wieder an”. Das fasst ja das deutsche Schulsystem ganz gut zusammen. Die Domain habe ich aber immer noch. Irgendwann kamen die Content Management Systeme und mit ihnen die Blogs und well, hier bin ich mal wieder.
Ich bin mit meinen vorherigen Internetprojekten gescheitert. Oder auch nicht. Je nach Wertung.
Einer der Hauptgründe weshalb mein letzter Blog (nooborn) so einging war das Gefühl einer verpflichtenden Regelmäßigkeit. Ich bin kein Mensch für verpflichtend und regelmäßig bei kreativen Prozessen. Das bremst mich volle Kanne aus. Dann habe ich Ideen die ich nicht aufschreibe weil ich ja erst noch dieses andere fertig machen muss, weil das soll ja raus und böööp. In beruflichen Kontexten kann ich das halbwegs (besser bin ich aber darin die Ausführung durch andere zu koordinieren), aber privat. Nope. Kein Bock.
Und dann kommt mein erfolgs- und leistungsorientiertes Denken daher und sagt so Dinge wie: “Erfolgreiche Menschen stehen morgens um 5 auf, machen eine Stunde Yoga, essen eine Smoothie Bowl und lächeln dem beginnenden Tag entgegen während sie ihre ToDo List schreiben.” Und dann hechle ich einem Ideal hinterher das mir nicht entspricht und scheitere und verzweifle.
Was will ich also auf diesem neuen Blog? Schöner scheitern. Kann sein dass ich in kreativen Phasen zwanzig Texte im Monat rauskloppe, kann sein dass ich sechs Monate gar nichts schreibe. Und ich werde sie posten wann mir danach ist und nicht wann mein durch meinen Beruf geschultes Gehirn weiß, wann die besten Social Media Zeiten auf unterschiedlichen Medien sind. Das habe ich auf dem vorherigen Blog schon versucht (nicht immer geschafft, ha schon wieder gescheitert), mit dem formschönen Ergebnis, dass die Anzahl der “gelesen” Clicks von unter 70 bei einigen Texten zu über 10.000 bei anderen Texten reichte. Letzteres ist natürlich in der Social Media Welt der viel größere Erfolg. Die meisten Texte wurden eher so um die 400mal gelesen. Das ist keine besonders kleine Zahl aber auch keine besonders große.
Vielleicht wird Scheitern mein guter Vorsatz für 2019. Ich möchte neue Pläne machen und alte Ideen aufgeben. Ich will zum Beispiel doch erstmal einen Master machen. Wenn ich die Wahl hätte würde ich einfach mein Leben lang studieren, ich mache das nämlich wirklich gerne und das ist mit Sicherheit auch einer der zahlreichen Gründe weshalb mein erstes Studium in den Augen vieler gescheitert ist: ich habe keinen Abschluss, aber 16 Semester Germanistik und Philosophie studiert. Nebenbei hab ich gearbeitet, war viel im Theater (aktiv wie passiv), war sehr krank und hatte eine sehr schöne Beziehung und eine sehr beschissene, war sehr viel und oft verliebt und bin oft schon an der Kommunikation dieser Verliebtheit gescheitert. Joar und dann hab ich halt ein Job Angebot bekommen, nachdem ich mein Scheitern in einem Praktikum versteckt hatte und habs angenommen. Und ein neues Studium angefangen obwohl das alte nur zwei Hausarbeiten und eine Magisterarbeit vom Abschluss entfernt war. Habe das neue Studium letztes Jahr abgeschlossen. Und hatte ganz liebe Betreuende für meine Bachelorthesis.
Scham ist etwas was uns oft davon abhält vom Scheitern zu erzählen. Versagensängste plagen viele. Sich Fehler eingestehen ist schwer. Ein großer Teil von toxischer Männlichkeit ist das “Macher”-Ideal, Dinge anpacken, Erfolge feiern, sich nicht “bremsen” lassen von Emotionen, von Missgeschicken. Leistung bringen und erfolgreich sein, mehr Gehalt, mehr Eigentum, mehr Normalität (eigentlich wollte ich diesen Blog damit beginnen über Normalität zu schreiben aber der Text ist noch nicht fertig, vielleicht wird er es sogar nie, dieser hier fließt gerade). Was nicht normal ist, ist schambehaftet und “scheitern” ist nur dann gut, wenn wir es zu einem Erfolg umformulieren können.
Wir erzählen stolz von absichtlicher Gewichtsreduktion, aber ich habe in den letzten Jahren mehr absichtlich und unabsichtlich zugenommen als ich absichtlich oder unabsichtlich abgenommen habe. Es gibt eigentlich nur einen Umstand der die Scham von Gewichtszunahme entfernt: Krankheit. Egal ob Magersucht oder Krebs, wer Krankheit überwunden hat und dann nach krankheitsbedingter Abnahme zunimmt, die*der darf das dann als Erfolg verbuchen. Natürlich nur wenn’s im Normbereich bleibt, ne? Den ganzen Tag auf’m Sofa rumgammeln und Netflix glotzen ist auch nur dann okay wenn’s als #metime und #selfcare verkauft wird statt als: ich hab einfach nix anderes geschafft heute.
Dinge die sich im Lebenslauf gut machen und die Großeltern stolz auf Familienfeiern erzählen, sind Dinge die ich nicht priorisieren will.
Ich möchte mehr Menschen in meinem Umfeld die öfter von ihrem Scheitern erzählen. Die stolz von ihren Misserfolgen berichten. Die nicht nur ihre Glücksmomente teilen sondern auch den ganzen restlichen Scheiß und sich dessen nicht schämen. Und ich möchte “Du bist ja völlig schambefreit” als das Kompliment etablieren das es sein sollte.
Und jetzt poste ich diesen Beitrag ohne ihn nochmal Korrektur zu lesen und ohne den neuen Blog so gestaltet zu haben, dass ich richtig zufrieden bin. #schambefreit.
In diesem Sinne: Hallo, da bin ich wieder.